Historische Orgeln in Oberschwaben

Neuigkeiten / Spieltisch

Orgelbuch „Sigmaringen“ wird am 20. November vorgestellt

Wenn alles nach Plan läuft, dann wird am 20. November 2010 unser nächstes – das vierte – Buch in der Reihe "Historische Orgeln in Oberschwaben" präsentiert.

„Historische Orgeln im Dreiländerkreis Sigmaringen – mit einerm Inventar aller bekannten Pfeifenorgeln in den Kirchen des Landkreises“, erscheint im Verlag Gmeiner, Meßkirch.

Warum „Dreiländerkreis“? Der heutige Landkreis Sigmaringen entstand als Kunstprodukt der Kreisreform von 1972 und ist mit Teilen des ehemaligen Landkreises Saulgau eine Portion  Oberschwaben, mit der Gegend um Messkirch und Pfullendorf eine Prise Baden und mit der Region Sigmaringen/Gammertingen ganz viel Hohenzollern. Das ist ein spannendes Gemisch aus drei Raumschaften, die aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon einmal eine einheitliche Kultur- und Klosterlandschaft waren.

Wie gewohnt machen wir zunächst einen historischen Streifzug durch die Jahrhunderte und beschreiben dann im zweiten Kapitel 36 bemerkenswerte Orgeln von A wie „Ablach“ bis W wie „Wald“ als "Einzeldarstellungen". Bei der Erfassung dieser Instrumente haben wir teilweise Grundlagenforschungen betrieben: bis auf publizierte Untersuchungen der Orgeln in Inzigkofen und Wald gab es bislang im Landkreis Sigmaringen keine überkommunalen Arbeiten über Orgeln.

Die Suche hat sich gelohnt. So entdeckten wir in der altkatholischen Kirche von Sauldorf ein völlig unbekanntes, weitgehend erhaltenes Örgelchen: das vermutliche opus 1 von Anton Hieber, einem Orgelbauer, der die Tradition der Überlinger Werkstatt Aichgasser und Lang weiterführte.

Anton Hieber ist die eigentliche Entdeckung unserer orgelarchäologischen Forschungen. Er wurde 1792 als Sohn des dortigen „organeda et aedituus“ (Organist und Glöckner) Dominicus Hieber in Bingen bei Sigmaringen geboren. Er war Neffe des Salemer Kaplans und Organisten Dr. Frowin Hieber. Für seinen Onkel – auch sein energischer Protegé bei hohenzollerischen Kirchengemeinden – baute er 1816 eine Orgel mit sechs Register. Dieses Instrument steht wie erwähnt in Sauldorf. Prospekte in Eigeltingen (vom Werk sind fünf Register erhalten), Veringendorf unbd Herdwangen weisen auf einen überregional bedeutenden Künstler hin. Der Großteil seiner von 1816 bis 1846 reichenden Tätigkeit spielte sich im Hegau ab und ist noch weitgehend unerforscht. Anton Hieber starb 1846 in Überlingen. Sein Sohn Eduard legte 1848 bei Revident Johann Adam Seitz aus Reutlingen die Prüfung als Orgelbaumeister ab. Eduard war 1855 bis 1865 mit Stephan Schumacher assoziiert.
Orgel der Klosterkirche Sießen
Im Landkreis Sigmaringen sind nur wenige Orgeln des 18. Jahrhunderts überkommen, die Region ist aber reich an gut erhaltenen Orgeln des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein besonderes Prachtstück – leider nur auf besondere Anmeldung öffentlich zugänglich – ist die Späth-Orgel von 1911 in der Hohenzollerischen Gruftkirche Sigmaringen-Hedingen1. Gut – überwiegend original - erhalten sind auch zwei Walcker-Orgeln aus den 1880er Jahren; das schöne Instrument in der Klosterkirche Sießen (siehe Foto) ist auf der zum Buch gehörigen CD zu hören.

Wie gewohnt ist auch im Buch „Sigmaringen“ ein wenig für Unterhaltung gesorgt, denn neben den hier beschriebenen bemerkenswerten Orgeln und deren tüchtigen Erbauern – etwa Johann Georg Aichgasser, seinem Nachfolger Johann Baptist Lang oder dem berühmten Johann Holzhey – gab es auch im heutigen Landkreis Sigmaringen „Kistler, halbausgelernte Claviermacher oder andere Individuen, welche einige Zeit in den Werkstätten wirklicher Orgelbauer den Hobel geführt, die als Orgelbauer auftreten und diesem Geschäfte doch nichts weniger als gewachsen sind"2.

Etwa die Brüder Joseph und Kaspar Speidel, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst das Lauchert-Tal, später ganz Oberschwaben unsicher machten. Dann war da das Großmaul Johann Georg Mayer oder der schon aus früheren Büchern unrühmlich bekannte Clemens Schefold aus Ehingen.

Geradezu Kriminelles ist zu berichten von einem Orgelbauer, der in Kirchen einbrach und Pfeifen stahl. Dafür musste Joseph Klingler von 1829 bis 1832 im Zuchthaus Hornstein büßen. Der „Züchtling“ Klingler war aber so tüchtig, dass er im Gefängnis Klaviere und als Freigänger sogar Orgeln baute. Resozialisierung pur!

Zu dem Buch wird es auch eine CD geben, die Rohfassung ist schon fertig. Eingespielt hat Johannes Mayr die Orgeln in Inzigkofen, Wald, Habsthal, Göggingen, Krumbach und Sießen. Das Buch wird knapp unter 25 Euro kosten, die CD wird für 12 Euro zu haben sein. Bestellungen sind über das Kontaktformular möglich.

1. Die Kirche ist in Privatbesitz und nur an besonderen Feiertagen für die Öffentlichkeit zugänglich.
2. Donat Müller, Kurze Beschreibung der einzelnen Theile der Kirchenorgel  … ein nothwendiges Handbüchlein, Augsburg 1848, S.
40/41

 Wolfgang Manecke


 

Mensch Gabler

Joseph Gabler, am  6. Juli 1700 in Ochsenhausen getauft, zählt  zu den Großmeistern des süddeutschen barocken Orgelbaus. Seine beiden überwiegend erhaltenen Orgeln in Weingarten und Ochsenhausen gehören zu den eindrucksvollen Schöpfungen der Orgelbaukunst. Schon 1812 wurde Gabler in Gerbers Tonkünstlerlexikon als "einer der vortrefflichsten Orgelbauer unserer Zeit" bezeichnet. Bewundert wurden vor allem seine kühnen Prospekte, die Weingartener Schaufront fand sogar Eingang in Dom Bedos´ Sammlung berühmter Orgelwerke. Als Prospektkünstler, schreibt Friedrich Jakob, sei Gabler unbestritten über alle Zweifel erhaben.1

Schon zu Lebzeiten genoss der eigenwillige Meister Hochachtung. In einem Brief des Ochsenhausener Abts vom 8.6.1745 wird Gabler als "Herr" und "Faiseur d´Orgues très renommé" bezeichnet. Allerdings habe der Meister mit seinem Erstlingswerk in Ochsenhausen "keineswegs überall uneingeschränktes Lob" geerntet, schreibt Johannes Mayr in seinem Gabler-Buch2. Gablers schärfster Kritiker Peter Anselm Wüntsch spottet in seinem 1733 entstandenen "Handbüchlein" etwa über so "vil unnöthige" Register, vor allem über seiner Meinung überflüssige Flötenregister wie "rohrflauten, waltflauten, stubenflauten (...) warum nit auch Kuchlflauten? Keller flauten und Holtzschopf flauten"? Doch gerade der Reichtum an zauberhaften Farbregistern macht den Reiz der beiden Meisterwerke in Weingarten und Ochsenhausen aus.

Was wissen wir über den Menschen Gabler? Unter der nüchternen Überschrift "Zur Persönlichkeit Joseph Gablers" hat Johannes Mayr einiges über die Person Gablers zusammengetragen3. Er sei ein "recht brafer undt guetter Mann", zitiert der Autor Gablers ärgsten Kritiker Pater Anselm Wüntsch, er nehme nichts übel, sei wie ein Schaf. Und er wisse zu leben, so Wüntsch. Seine Frau Agnes hingegen, schreibt der Pater weiter, sei recht fromm und gescheit. Seine tüchtige und scharfzüngige Ehefrau hat Gabler in einem Brief mal recht derb als sein "Haus Creitz" bezeichnet; Agnes Gabler, geborene Heller, hat ihrem orgelbauenden Bastler, Tüftler und Umstandskrämer wohl öfters "ein Gesicht gemacht".

Wohl mit Recht. In einigen erhaltenen Briefen kommt der Mensch Gabler zum Vorschein. Gewiss war Joseph Gabler ein tief gläubiger Mensch; als "zartbesaitete religiöse Seele" hat ihn Franz Bärnwick bezeichnet4. Zudem war Gabler ein hochbegabter und musikverständiger Orgelbauer, ein begnadeter Tüftler und Bastler mit einem Hang des "einfachen Gemüts an interessanten Zahlenkombinationen"5; der Musikwissenschaftler und Orgelbauer Friedrich Jakob vergleicht das mit der Freude stolzer Autobesitzer an bemerkenswerten Autonummern. Als ausgewiesener "artifex", als orgelbauender Künstler, leistete sich Joseph Gabler einiges Selbstbewußtsein. Andererseits belastete ihn seine Unfähigkeit, Arbeiten zu planen, zu organisieren und Aufträge pünktlich auszuführen. Dass er sich ständig verzettelte und seine Termine nie einhielt, muss seine Auftraggeber zur Weißglut gebracht haben: Einmal beschuldigte man ihn der "tandlerey" und bezeichnete ihn sogar als "Filou". Diese Kritik in Gegenwart von "Gemeinen Leüthen" hat Joseph Gabler schwer getroffen.

Nicht immer geschickt hat sich der Meister gegenüber seinen Auftraggebern verhalten. Besonders schwer tat sich der gesundheitlich angeschlagene Gabler wohl beim Bau der Chororgel in Zwiefalten. Da beschwerte sich der dortige Prälat am 3. Juni 1753 bei dem Orgelbauer Johann Andreas Silbermann, er hätte zu "Gabler keine Lust mehr, er ist immer blöd und kränklicht, ich hab noch mit allen Künstlern können zu recht kommen, und sie haben auch eine Freude an mir gehabt, aber mit H[errn] Gabler habe ich nicht können zu recht kommen"6.

Zweifellos gehört Joseph Gabler neben Johann Andreas Silbermann, Joseph Riepp, Georg Friedrich Schmahl, Johann Georg Aichgasser und Johann Holzhey zu den herausragenden Orgelbauern des 18. Jahrhunderts in Schwaben. Reich sind in diesem Kunsthandwerk nur Silbermann und Riepp geworden, letzterer vor allem als Weinhändler. Joseph Gabler hingegen verdankt Oberschwaben zwei reich disponierte Denkmalorgeln von europäischen Rang.

Wolfgang Manecke

1) Friedrich Jakob, Die grosse Orgel der Basilika zu Weingarten, CH-Männedorf 1986, S. 95
2) Johannes Mayr, Joseph Gabler Orgelmacher, Biberach 2000
3) ebenda, S. 18-22
4) Friedrich Jakob, a.a.O., S. 82
5) ebenda, S. 87
6) Marc Schaefer, Das Silbermann-Archiv, Winterhur 1994, S. 209

Bild: Dieser Atlant an der Weingartener Orgel, meint Organist Stephan Debeur, soll den Mühsal-beladenen Orgelbauer Joseph Gabler darstellen.


Neues aus der Orgel-Studierstube

Liebe Leser,

dass Sie diesmal etwas länger auf die Fortsetzung der Kolumne mit "Mensch Gabler" warten mussten, hat einen einfachen, aber erfreulichen Grund: Das Manuskript für "Historische Orgeln im Dreiländerkreis Sigmaringen" – das vierte Buch der Reihe über historische Orgeln in Oberschwaben – musste abgeschlossen und im Kreisarchiv Sigmaringen abgeliefert werden. Die Publikation wird im Verlag Gmeiner, Messkirch erscheinen und am 20. November 2010 um 17 Uhr zusammen mit der CD im Kloster Habsthal vorgestellt. An der Späth-Orgel in der Klosterkirche wird Johannes Mayr konzertieren.

Zur Präsentation sind interessierte Orgelliebhaber herzlich eingeladen, lassen Sie uns bitte per E-Mail wissen, ob Sie kommen möchten. Das Buch wird wohl 24.50 Euro (GdO und Vereinsmitglieder ermäßigt) kosten, die CD ist für 12 Euro zu haben. Buch und CD können Sie auch über Internet bestellen; bitte genaue Versandadresse angeben!

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Manecke
 


Raus mit dem alten Kruscht – von Orgel-Banausen

In den vergangenen 20 Jahren hat es den Autoren von „Historische Orgeln in Oberschwaben“ bei den Bestandsaufnahmen historischer Orgeln – bzw. deren Ruinen oder Resten – oftmals die Sprache verschlagen.

Orgelprospekt BetenbrunnEines der neueren Beispiele von Orgel-Vandalismus bietet sich dem Betrachter in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Maria in Betenbrunn (Bodenseekreis). Zunächst ist der Besucher von der herrlichen, 1727-43 erneuerten Innenausstattung mit dem wohl um 1760/61 entstandenen Orgelprospekt beeindruckt (siehe Bild rechts). Doch hinter der prächtigen Rokoko-Schauseite ist nichts.

Keine Pfeifen, keine Windladen, nur ein Nichts von Tonerzeuger.

Was da passiert ist, wird nach einigen Archiv-Recherchen und dem Gespräch mit einer älteren Chorsängerin klar.

Zunächst weist die Werkliste der Orgelbauwerkstätte Mönch im Jahr 1909 einen Neubau mit 13 Registern auf pneumatischen Kegelladen im alten Gehäuse aus. Ziemlich sicher hat die Werkstatt, um Kosten zu sparen, Bestände der Vorgängerorgel übernommen. Dieses spätbarocke Vorgängerinstrument hat höchstwahrscheinlich Johann Georg Aichgasser erbaut.

In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kommt frischer Wind in die Pfarrgemeinde. In der Person eines höchst „fortschrittlichen“ Pfarrers. Um 1994–95, erzählt die Choristin, habe der Geistliche beschlossen, „alles neu, alles neu“ zu machen. Da muss natürlich die altmodische Orgel raus, raus. Ausräumen, sagt der Pfarrer, und einen Klangerzeuger ins Untergehäuse einbauen; der ganze alte Pfeifenbestand wird verkauft, verbrannt, verschrottet.

Dasselbe passierte ein paar Kilometer weiter in Mimmenhausen. Das ist immerhin der Geburtsort von Joseph Anton Feuchtmayr. In der dortigen Pfarrkirche U. L. Frauen trieben es die Banausen noch viel schlimmer: 1969/70 wurde die barocke Kirche bis auf den Turm abgebrochen und durch einen zeittypischen Betonkasten ersetzt. Natürlich wurde auch die Orgel von Schwarz 1930 entsorgt und durch einen Ausbund an Scheußlichkeit ersetzt. Die Empore wird von einem Boxenturm beherrscht, dessen Lautsprecher elektronische Geräusche von sich geben. Toll!

Noch 'n Gedicht! Vor kurzem wurde in der Pfarrkirche St. Gangolf, Wolpertswende (Landkreis Ravensburg) eine neue mechanische Schleifladenorgel mit II/P 17 – darunter drei Zungenregister – eingeweiht. Die Vorgängerorgel hatte die Werkstatt Reiser aus Biberach 1931 auf pneumatischen Kegelladen erbaut. Der künstlerisch sehr schön gestaltete Prospekt passte ausgezeichnet in das 1928 neu ausgestattete Langhaus.
Wie üblich hatte die Kirchengemeinde ihre ungeliebte pneumatische Orgel verkommen lassen. Regelmäßige Pflege? Fehlanzeige. Natürlich war das Instrument in den letzten Jahren seiner Existenz praktisch unspielbar. Was tun man in solchen Fällen in einer oberschwäbischen Dorfkirche? Restaurieren? Nein danke. Raus mit dem alten Kruscht!  Rein mit einer neuen Orgel, deren drei Zungenregister sicherlich regelmäßig gestimmt werden.

Wetten, dass nicht?

Nur noch ein paar großformatige Farbfotos erinnern an den dekorativen Denkmalprospekt.

Noch mehr Beispiele gefällig? Danke, es reicht. Man könnte verzweifeln.

Wolfgang Manecke
 

Nachtrag: Die Reiser-Orgel (Werk und Gehäuse) von Wolpertswende wurde 2006 abgebrochen und befindet sich jetzt in der Hauskapelle der Hazienda eines ehemaligen Wolpertswenders in Mexiko.

Bilder der alten Wolpertswender Orgel und des jetzigen Zustands gibt es im Blog Oberschwäbische Mannigfaltigkeiten zu sehen.

 


Die Schuhe des Organisten

„Schläfst du schon?“ fragte der rechte Schuh den Linken. „Wie könnte ich auch nach diesen Strapazen! Stundenlang wurden wir in dieser Bachschen Toccata getreten, keine Pause, nichts“, entgegnete der und fügte an: „Mir reicht's jetzt wirklich. Die schlechtesten Arbeitsbedingungen haben wir bekommen. Jahrzehnte treten wir die Pedale der verschiedensten Orgeln.  Längst bin ich dieser Schinderei überdrüssig. Und zu all dem Elend nicht die geringste Pflege. Meine Innereien sind in  desolatem Zustand. Du siehst ja die Risse an meiner Erscheinung. Lang schaff' ich das nicht mehr. Ich streike, ich platze einfach!“

„Um Gottes und der Orgel Willen!“ rief da der rechte Schuh entsetzt. „Du kannst gar nicht streiken. Denk an mich! Wir zwei sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Wenn du schlapp machst, so landen wir beide in der Kehrichtverbrennung. Sei gerecht: Hat uns unser Chef nicht schon auf den wunderbarsten Orgeln spielen lassen? Denk an Lübeck, an Cappel, ans Grossmünster. Als seine besten und unverzichtbarsten Schuhe hat er uns gelobt. Es gäbe kein  weites Paar, das er dermassen schätze. Mit uns tritt er sogar vor das Publikum!  Applaus ist unser Lohn. Solches Glück haben nicht alle in unserem Beruf.“

„Schweig!“ unterbrach ihn der andere. „Du weisst genau, wie wir in diesem einfältigen Tragsack, auf dem wir jetzt liegen, unwürdig dahinvegetierten und in kalten Kirchen übernachteten. Und die Ratte in Lübeck hätte mich bei einem Haar mit Marzipan verwechselt. Du hast nur dumm gegrinst, als sie mir in den Schuhbändel biss. Aber weisst du, so lang macht's unser Chef auch nicht mehr. Der ist doch uralt. Ich hörte selber einmal, wie er zu jemandem sagte, er sei das Fossil der Kirche. Wir können hoffen.“

„Streitet ihr wieder einmal“, bemerkte eine Fliege, die durch den Spalt des Notenschranks geflogen war. „Etwas dicke Luft heute. Ihr solltet euch mehr pflegen. Wenn ihr wüsstet, wie herrlich es unten im Kirchenraum riecht. Wollt ihr's genau wissen? Es riecht nach Weihnachten, und ihr stinkt so vor euch hin.“ Demonstrativ putzte sie ihre breiten Flügel.

„Werde nicht frech!“ rief da der linke Schuh. „Wir arbeiten, schuften, und du saugst dich bei der Krippe mit Leckereien voll, die dir gar nicht zustehen. Mach, dass du fortkommst!“

„Wenn's weiter nichts ist“, lächelte die Dicke und entflog in die Weite des Kirchenraums. Noch eine Weile hörten die beiden ihr Summen, dann schlugen die Glocken im Turm elf harte Schläge. Ruhe und Schlaf hielten Einzug.          

Harry Heiz


 


 

 

Verstehen Sie Orgelchinesisch?

Hin und wieder strebt der wißbegierige Orgelliebhaber nach genauen Informationen über einen Komponisten oder ein Musikstück. Es empfiehlt sich ein Blick in Fachlexika. Da stehen etwa der "Riemann" oder das voluminöse "Die Musik in Geschichte und Gegenwart" (MGG) zur Verfügung. Hilfreich könnte auch die Lektüre von "Ars Organi", der Hauspostille der Gesellschaft der Orgelfreunde sein.

Da findet sich zuweilen prachtvoll-unverständliches Orgelchinesisch. Etwa folgender Satz in "Ars Organi" Heft 3/2003: So sind seine Orgelverse nichts weniger als liturgische Spielmusik und doch auch nicht nur kompositionstechnische Exerzitien, weder sind sie Versuche einer naiven Umsetzung von Aussagen des Textes in der naiven Abbildlichkeit (neo)barocker 'Figurenlehre' noch bietet die Liedmelodie lediglich das Ausgangsmaterial für die Selbstdarstellung eines gleichermaßen virtuosen Komponisten wie Spielers. Alles klar? Wenn nicht, dann geht es ihnen wie mir; ich sitze ratlos vor dem Text "Postmoderne und Partita" eines Professors aus Radebeul.

Noch viel schönere Sätze finden sich in MGG, Band IV, zum Thema "Improvisation": Die flexible Aufmerksamkeitsverteilung dient auch der Ideengenerierung. Hierbei ist oft gerade das Gegenteil  konzentrierter Aufmerksamkeit funktional, ein assoziativer, tagträumerischer Zustand. Dieser Satz ist übrigens kein Ausreißer, in dieser Sprachkunst geht es seitenlang weiter. Dass es auch anders geht beweist die Definition im "Riemann": Improvisation ist das gleichzeitige Erfinden und Realisieren von Musik. Sie beruht zumeist auf musikalischen Vorstellungsmustern.

Gerhard Stickel, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, hat über wissenschaftliche Sprachverirrungen einmal treffend geschrieben: Unverständlichkeit gilt in Deutschland als Nachweis für tiefes Denken. In diesen Tiefen hat schon mancher die Orientierung verloren. Auch in Sachen Musik schreibende Hochschullehrer steigen zuweilen hinab in den stilistischen Orkus, MGG ist voll von solchen denkwürdigen Abgründen. Der renommierte Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger macht sich über solche Auswüchse lustig. Kürzlich sagte er in einem Zeitungsinterview: Wissenschaft fängt nicht erst da an, wo man sich im Fußnotengestrüpp verirrt; ein jounalistischer Schreibstil ist nicht per se unwissenschaftlich.

Dass die Autoren der Reihe "Historische Orgeln in Oberschwaben" in ihren Büchern auf Fußnotengestrüpp und pseudowissenschaftlichen Schreibstil verzichtet haben, verübelten ihnen die Altvorderen in der Gesellschaft der Orgelfreunde. Sie nehmen uns nicht als wissenschaftlich arbeitende Autoren zur Kenntnis, dazu sind etwa die Fotos zu gut und der Schreibstil zu journalistisch. Man müsse jede Darstellung mit Zitaten unterfüttern, sagen sie tadelnd und mit hochgezogenen Augenbrauen. Nein, rügen sie, es genüge nicht, am Ende eines Artikels Quellen und Literatur anzugeben. Ohne Fußnoten sei das Ganze untauglich.

Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich: Als wir vor rund 15 Jahren den regierenden Orgelpräses um Rat fragten und ihm eine Textprobe unseres ersten Buchs schickten, erhielten wir die Probe von dem Deutschlehrer mit roter Tinte korrigiert zurück. Kein Wort zu unserem Projekt, der ungezogene Orgel-Schreib-Schüler in Biberach erhielt nur grammatikalische Ermahnungen. Das hat Johannes Mayr und mich nicht daran gehindert, 1995 das erste Buch und danach zwei weitere zu publizieren. Ohne Fußnotengestrüpp und sowohl mit musikwissenschaftlicher wie auch journalistischer Sorgfalt.           

Wolfgang Manecke


 


 

 

Historische Orgeln in Oberschwaben e. V. · Kontakt · Impressum · Erstellt mit Website Baker.