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Raus mit dem alten Kruscht – von Orgel-Banausen
In den vergangenen 20 Jahren hat es den Autoren von „Historische Orgeln in Oberschwaben“ bei den Bestandsaufnahmen historischer Orgeln – bzw. deren Ruinen oder Resten – oftmals die Sprache verschlagen.
Eines der neueren Beispiele von Orgel-Vandalismus bietet sich dem Betrachter in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Maria in Betenbrunn (Bodenseekreis). Zunächst ist der Besucher von der herrlichen, 1727-43 erneuerten Innenausstattung mit dem wohl um 1760/61 entstandenen Orgelprospekt beeindruckt (siehe Bild rechts). Doch hinter der prächtigen Rokoko-Schauseite ist nichts.
Keine Pfeifen, keine Windladen, nur ein Nichts von Tonerzeuger.
Was da passiert ist, wird nach einigen Archiv-Recherchen und dem Gespräch mit einer älteren Chorsängerin klar.
Zunächst weist die Werkliste der Orgelbauwerkstätte Mönch im Jahr 1909 einen Neubau mit 13 Registern auf pneumatischen Kegelladen im alten Gehäuse aus. Ziemlich sicher hat die Werkstatt, um Kosten zu sparen, Bestände der Vorgängerorgel übernommen. Dieses spätbarocke Vorgängerinstrument hat höchstwahrscheinlich Johann Georg Aichgasser erbaut.
In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kommt frischer Wind in die Pfarrgemeinde. In der Person eines höchst „fortschrittlichen“ Pfarrers. Um 1994–95, erzählt die Choristin, habe der Geistliche beschlossen, „alles neu, alles neu“ zu machen. Da muss natürlich die altmodische Orgel raus, raus. Ausräumen, sagt der Pfarrer, und einen Klangerzeuger ins Untergehäuse einbauen; der ganze alte Pfeifenbestand wird verkauft, verbrannt, verschrottet.
Dasselbe passierte ein paar Kilometer weiter in Mimmenhausen. Das ist immerhin der Geburtsort von Joseph Anton Feuchtmayr. In der dortigen Pfarrkirche U. L. Frauen trieben es die Banausen noch viel schlimmer: 1969/70 wurde die barocke Kirche bis auf den Turm abgebrochen und durch einen zeittypischen Betonkasten ersetzt. Natürlich wurde auch die Orgel von Schwarz 1930 entsorgt und durch einen Ausbund an Scheußlichkeit ersetzt. Die Empore wird von einem Boxenturm beherrscht, dessen Lautsprecher elektronische Geräusche von sich geben. Toll!
Noch 'n Gedicht! Vor kurzem wurde in der Pfarrkirche St. Gangolf, Wolpertswende (Landkreis Ravensburg) eine neue mechanische Schleifladenorgel mit II/P 17 – darunter drei Zungenregister – eingeweiht. Die Vorgängerorgel hatte die Werkstatt Reiser aus Biberach 1931 auf pneumatischen Kegelladen erbaut. Der künstlerisch sehr schön gestaltete Prospekt passte ausgezeichnet in das 1928 neu ausgestattete Langhaus.
Wie üblich hatte die Kirchengemeinde ihre ungeliebte pneumatische Orgel verkommen lassen. Regelmäßige Pflege? Fehlanzeige. Natürlich war das Instrument in den letzten Jahren seiner Existenz praktisch unspielbar. Was tun man in solchen Fällen in einer oberschwäbischen Dorfkirche? Restaurieren? Nein danke. Raus mit dem alten Kruscht! Rein mit einer neuen Orgel, deren drei Zungenregister sicherlich regelmäßig gestimmt werden.
Wetten, dass nicht?
Nur noch ein paar großformatige Farbfotos erinnern an den dekorativen Denkmalprospekt.
Noch mehr Beispiele gefällig? Danke, es reicht. Man könnte verzweifeln.
Wolfgang Manecke
Nachtrag: Die Reiser-Orgel (Werk und Gehäuse) von Wolpertswende wurde 2006 abgebrochen und befindet sich jetzt in der Hauskapelle der Hazienda eines ehemaligen Wolpertswenders in Mexiko.
Die Schuhe des Organisten
„Schläfst du schon?“ fragte der rechte Schuh den Linken. „Wie könnte ich auch nach diesen Strapazen! Stundenlang wurden wir in dieser Bachschen Toccata getreten, keine Pause, nichts“, entgegnete der und fügte an: „Mir reicht's jetzt wirklich. Die schlechtesten Arbeitsbedingungen haben wir bekommen. Jahrzehnte treten wir die Pedale der verschiedensten Orgeln. Längst bin ich dieser Schinderei überdrüssig. Und zu all dem Elend nicht die geringste Pflege. Meine Innereien sind in desolatem Zustand. Du siehst ja die Risse an meiner Erscheinung. Lang schaff' ich das nicht mehr. Ich streike, ich platze einfach!“
„Um Gottes und der Orgel Willen!“ rief da der rechte Schuh entsetzt. „Du kannst gar nicht streiken. Denk an mich! Wir zwei sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Wenn du schlapp machst, so landen wir beide in der Kehrichtverbrennung. Sei gerecht: Hat uns unser Chef nicht schon auf den wunderbarsten Orgeln spielen lassen? Denk an Lübeck, an Cappel, ans Grossmünster. Als seine besten und unverzichtbarsten Schuhe hat er uns gelobt. Es gäbe kein weites Paar, das er dermassen schätze. Mit uns tritt er sogar vor das Publikum! Applaus ist unser Lohn. Solches Glück haben nicht alle in unserem Beruf.“
„Schweig!“ unterbrach ihn der andere. „Du weisst genau, wie wir in diesem einfältigen Tragsack, auf dem wir jetzt liegen, unwürdig dahinvegetierten und in kalten Kirchen übernachteten. Und die Ratte in Lübeck hätte mich bei einem Haar mit Marzipan verwechselt. Du hast nur dumm gegrinst, als sie mir in den Schuhbändel biss. Aber weisst du, so lang macht's unser Chef auch nicht mehr. Der ist doch uralt. Ich hörte selber einmal, wie er zu jemandem sagte, er sei das Fossil der Kirche. Wir können hoffen.“
„Streitet ihr wieder einmal“, bemerkte eine Fliege, die durch den Spalt des Notenschranks geflogen war. „Etwas dicke Luft heute. Ihr solltet euch mehr pflegen. Wenn ihr wüsstet, wie herrlich es unten im Kirchenraum riecht. Wollt ihr's genau wissen? Es riecht nach Weihnachten, und ihr stinkt so vor euch hin.“ Demonstrativ putzte sie ihre breiten Flügel.
„Werde nicht frech!“ rief da der linke Schuh. „Wir arbeiten, schuften, und du saugst dich bei der Krippe mit Leckereien voll, die dir gar nicht zustehen. Mach, dass du fortkommst!“
„Wenn's weiter nichts ist“, lächelte die Dicke und entflog in die Weite des Kirchenraums. Noch eine Weile hörten die beiden ihr Summen, dann schlugen die Glocken im Turm elf harte Schläge. Ruhe und Schlaf hielten Einzug.
Harry Heiz
Verstehen Sie Orgelchinesisch?
Hin und wieder strebt der wißbegierige Orgelliebhaber nach genauen Informationen über einen Komponisten oder ein Musikstück. Es empfiehlt sich ein Blick in Fachlexika. Da stehen etwa der "Riemann" oder das voluminöse "Die Musik in Geschichte und Gegenwart" (MGG) zur Verfügung. Hilfreich könnte auch die Lektüre von "Ars Organi", der Hauspostille der Gesellschaft der Orgelfreunde sein.
Da findet sich zuweilen prachtvoll-unverständliches Orgelchinesisch. Etwa folgender Satz in "Ars Organi" Heft 3/2003: So sind seine Orgelverse nichts weniger als liturgische Spielmusik und doch auch nicht nur kompositionstechnische Exerzitien, weder sind sie Versuche einer naiven Umsetzung von Aussagen des Textes in der naiven Abbildlichkeit (neo)barocker 'Figurenlehre' noch bietet die Liedmelodie lediglich das Ausgangsmaterial für die Selbstdarstellung eines gleichermaßen virtuosen Komponisten wie Spielers. Alles klar? Wenn nicht, dann geht es ihnen wie mir; ich sitze ratlos vor dem Text "Postmoderne und Partita" eines Professors aus Radebeul.
Noch viel schönere Sätze finden sich in MGG, Band IV, zum Thema "Improvisation": Die flexible Aufmerksamkeitsverteilung dient auch der Ideengenerierung. Hierbei ist oft gerade das Gegenteil konzentrierter Aufmerksamkeit funktional, ein assioziativer, tagträumerischer Zustand. Dieser Satz ist übrigens kein Ausreißer, in dieser Sprachkunst geht es seitenlang weiter. Dass es auch anders geht beweist die Definition im "Riemann": Improvisation ist das gleichzeitige Erfinden und Realisieren von Musik. Sie beruht zumeist auf musikalischen Vorstellungsmustern.
Gerhard Stickel, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, hat über wissenschaftliche Sprachverirrungen einmal treffend geschrieben: Unverständlichkeit gilt in Deutschland als Nachweis für tiefes Denken. In diesen Tiefen hat schon mancher die Orientierung verloren. Auch in Sachen Musik schreibende Hochschullehrer steigen zuweilen hinab in den stilistischen Orkus, MGG ist voll von solchen denkwürdigen Abgründen. Der renommierte Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger macht sich über solche Auswüchse lustig. Kürzlich sagte er in einem Zeitungsinterview: Wissenschaft fängt nicht erst da an, wo man sich im Fußnotengestrüpp verirrt; ein jounalistischer Schreibstil ist nicht per se unwissenschaftlich.
Dass die Autoren der Reihe "Historische Orgeln in Oberschwaben" in ihren Büchern auf Fußnotengestrüpp und pseudowissenschaftlichen Schreibstil verzichtet haben, verübelten ihnen die Altvorderen in der Gesellschaft der Orgelfreunde. Sie nehmen uns nicht als wissenschaftlich arbeitende Autoren zur Kenntnis, dazu sind etwa die Fotos zu gut und der Schreibstil zu journalistisch. Man müsse jede Darstellung mit Zitaten unterfüttern, sagen sie tadelnd und mit hochgezogenen Augenbrauen. Nein, rügen sie, es genüge nicht, am Ende eines Artikels Quellen und Literatur anzugeben. Ohne Fußnoten sei das Ganze untauglich.
Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich: Als wir vor rund 15 Jahren den regierenden Orgelpräses um Rat fragten und ihm eine Textprobe unseres ersten Buchs schickten, erhielten wir die Probe von dem Deutschlehrer mit roter Tinte korrigiert zurück. Kein Wort zu unserem Projekt, der ungezogene Orgel-Schreib-Schüler in Biberach erhielt nur grammatikalische Ermahnungen. Das hat Johannes Mayr und mich nicht daran gehindert, 1995 das erste Buch und danach zwei weitere zu publizieren. Ohne Fußnotengestrüpp und sowohl mit musikwissenschaftlicher wie auch journalistischer Sorgfalt.
Wolfgang Manecke